PORTRAIT OF A GHOST (2019)

Szenische Installation

Alisa M. Hecke / Julian Rauter / Cornelia Friederike Müller

 

 

PORTRAIT OF A GHOST ist die audio-visuelle Echokammer menschlichen Lebens, in der das eigene Verschwinden für einen Moment festzuhalten versucht wird.

Die Theatermacher*innen Hecke/Rauter widmen sich gemeinsam mit der Soundkünstlerin CFM der Vorstellung einer Welt, die sich von physisch anwesenden Körpern verabschiedet hat. Dafür schaffen sie eine Klanglandschaft in einer Raum- und Objektinstallation und laden das Publikum auf die Spurensuche eines zweifelnden stream of conciousness ein. Akustisch isoliert begegnen ihnen Körperfragmente und körperlose Stimmen, die von der Erblast und Utopie, der Lust- und Unlust erzählen, die mit der Erfahrung von Körperlichkeit einhergeht.

 

 

LEIPZIG

Heilandskirche Leipzig-Plagwitz

PREMIERE 31. Oktober 2019 / 20 Uhr

weitere AUFFÜHRUNGEN 1./2. November 2019 / 20 Uhr

 

DRESDEN

Festspielhaus Hellerau

AUFFÜHRUNGEN 28. November 2019 / 20 Uhr, 30. November 2019 / 18 Uhr

 

 

KONZEPT, REGIE Alisa Hecke, Julian Rauter SOUNDDESIGN Cornelia Friederike Müller SZENOGRAFIE Franz Thöricht BÜHNENPLASTIK Cornelia Golz PERFORMANCE Helga Sieler, Livi SPRECHER Jonas Fürstenau, Julia Berke

 

Eine Produktion von Hecke/Rauter in Koproduktion mit HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste, gefördert vom Sonderprogramm KONFIGURATION des Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, dem Kulturamt der Stadt Leipzig. In Kooperation mit dem Westpol A.I.R. Space e.V. sowie der Evangelischen Landeskirche Leipzig, unterstützt vom Hörspielsommer e.V.


Grafik ©Lamm&Kirch
Grafik ©Lamm&Kirch

Ich will die Augen schließen, die Ohren verstopfen, alle Sinne abschalten. Ich stelle mir vor, ich hätte keinen Körper, es gäbe keine Welt und keinen Ort, wo ich mich befände. Körper, Gestalt, Ausdehnung, Bewegung und Ort wären Chimären. Hände, Augen, Fleisch und Blut, all das existierte in Wirklichkeit nicht. Ich setze voraus, dass alles, was ich sehe, falsch ist. Ich setze voraus, dass alles, was ich höre, Einbildung ist. Der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Gestalten, die Töne und die Gesamtheit alles Äußeren sind nichts anderes als Trugbilder meiner Träume.

René Descartes

Portrait of a Ghost, Heilandskirche ©Falk Messerschmidt
Portrait of a Ghost, Heilandskirche ©Falk Messerschmidt
Portrait of a Ghost, Heilandskirche ©Jascha Kretschmann
Portrait of a Ghost, Heilandskirche ©Jascha Kretschmann
Portrait of a Ghost, Heilandskirche ©Jascha Kretschmann
Portrait of a Ghost, Heilandskirche ©Jascha Kretschmann
Portrait of a Ghost, Heilandskirche ©Falk Messerschmidt
Portrait of a Ghost, Heilandskirche ©Falk Messerschmidt


„Portrait of a Ghost“ entzieht in Hellerau dem Publikum den Boden unter den Füßen. Während Teil eins die Zeit verschwimmen lässt, bleibt im zweiten Abschnitt alles in dieser Schwebe, bis zum Schluss, der kein Ende ist. Es ist wie ein real gewordener Traum, nicht unbedingt ein Alptraum, trotzdem unschön. Zumindest für die ersten Momente. Das Publikum findet sich im Saal West des Festspielhauses Hellerau in einem dimensionslosen Raum wieder. Nebel, Licht, sonst nichts. Kein Oben, kein Unten. Keine Handbreit kann man sehen. Immer wieder schälen sich unerwartet die Umrisse einer weiteren Besucherin aus dem Nebel. Und dann diese Stimme. Jeder im Publikum trägt Kopfhörer, über die anfangs noch Geräusche aus dem Raum übertragen werden. Da gibt es noch so etwas wie einen Moment des gemeinsamen Erlebnisses. Dann aber nur noch diese weibliche Stimme, die Descartes zitiert. Mit dieser Stimme ist plötzlich jeder allein, nur noch für sich, in einem Raum voller Menschen. Da ist die Rede vom Abschalten der Sinne, dem Loswerden des Körpers. Komplette Auflösung des Ichs. Und plötzlich tut dieser Gedanke gut. Geborgenheit im nicht Sein. Wie lange dieser Teil der Performance dauert, ist schwer zu sagen. Man verliert die zeitliche Orientierung. Das Konzept von Alisa Hecke und Julian Rauter ist so simpel wie effektvoll. Im zweiten Teil ist mehr sichtbar, im Nancy-Spero-Saal gibt es keinen Nebel. Stattdessen Helga Sieler als Performerin, ihr Kostüm ganz klar wie der Anzug eines Astronauten. Der Helm mit dem dunklen Visier anonymisiert sie. Sie steht vor einer Wand, deren schwarze textile Bespannung unaufdringlich glitzert. Ein Sternenmeer. Helga Sielers Reise durch diesen Raum vollzieht sie aber nur in ihrem Inneren, bleibt ganz für sich, nur ihr Rücken ist zu sehen. Dumpf klingt ihre Stimme, wie direkt aus ihrem Helm kommend. Entmenschlicht, entkörpert. Diese Stimme ist nur noch Bewusstsein und kann sich so ohne konkrete Richtung dem eigenen Gedankenstrom hingeben. Wenn Helga Sieler dann das Publikum auf die Rückseite der Wand mitnimmt, zeigt sich deren Oberfläche kalt glänzend, reflektierend, abweisend. Ihr Atem ist schwer. Man kann ihre Verdauungsgeräusche hören. Irgendwann scheint sie zu Hause angekommen, legt ihren Anzug ab, den Helm, schlüpft in Hauspantoffeln. Zum Menschen wird sie dadurch trotzdem nicht. Die Stimme aus dem Off, jetzt nicht mehr aus den Kopfhörern kommend, erzählt von Ängsten, die man mit Angst bekämpfen kann. Orientierungslosigkeit, ohne Richtung. Unbehaust bleibt auch das Publikum. Schräge, glänzende Flächen am Boden mögen vielleicht als Sitzgelegenheiten taugen, bequem sind sie aber nicht. Dadurch bleibt alles in dieser Schwebe, bis zum Schluss, der kein Ende ist.
Rico Stehfest: Ich, ohne Boden. „Portrait of a Ghost“ entzieht in Hellerau dem Publikum den Boden unter den Füßen. 29.11.2019, Dresdener Neueste Nachrichten