Lindenow © HRW
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Theaterfest © Jana Nowak
Theaterfest © Jana Nowak

ERINNERUNGEN FÜR MORGEN ist eine seit 2017 laufende Recherche zum Paradigmenwechsel naturkundlicher Sammlungen im Zuge rasanter ökologischer Veränderungen: Vor dem Hintergrund des Artenverfalls, wandeln sich diese zunehmend von Orten der Repräsentation existierender Arten zu Orten der Präsentation hinterlassener Relikte organischen Lebens.

Dabei werden die Sammlungen maßgeblich vom (Kunst-)Handwerk der Tierpräparation geprägt: Den Präparator*innen fällt es zu, tote tierische Materie zu konservieren, aufzubereiten und so zu gestalten, dass sie den Anschein von Leben erweckt – und somit bildhaft erinnert werden kann.

 


In einer Interviewreihe haben sich Hecke/Rauter/Willmann mit dem Vorgang der Präparation und ihren Protagonisten beschäftigt. Neben der konkreten Tätigkeit haben sie deren Ansichten und Anekdoten in Bezug auf ihr sich wandelndes Arbeitsfeld, zu globalen Phänomenen wie Klimawandel, Artensterben oder Bevölkerungswachstum aufgezeichnet: Welche Geschichten erzählen sie über den Menschen und seine tierischen Teilhaber des Planeten?

Welche Spekulationen stellen sie über die Zukunft an?
Den Geschichten und Werkstatt-Einblicken wird in der Installation während des Lindenow-Festivals ein temporärer Aufbewahrungsort zur Vergegenwärtigung und Erinnerung geschaffen.

INSTALLATION
im Rahmen der Sonderausstellung DESTILLAT
Lindenow-Festival #14
Neues Kaufhaus Held, Leipzig
05.-07. Oktober 2018

 

im Rahmen des Theaterfests des Schauspiel Leipzig

31. August 2019


unterstützt von der ARC KÜNSTLERRESIDENZ, gefördert vom Migros Kulturprozent
Romainmôtier, CH
15. Oktober - 13. November 2018


(INTERVIEW-)PARTNER
Nadir Alvarez (Genf, CH), Sabrina Beutler (Düdingen, CH), Isabel Blasco Costa (Genf, CH), René Diebitz (Leipzig), Jens Freirer (Pfaffroda), Edwin Gnos (Genf, CH), Dirk Grundler (Magdeburg), Mike Jessat (Altenburg), Sirpa Kurz (Zürich, CH), Bernard Landry (Genf, CH), Lydia Mäder (Frohburg), Pater Oswald (Kloster Einsiedeln, CH), Jan Panniger (Berlin), Alwin Probst (Basel, CH), Christian Richter (Harzgerode), Michel Sartori (Lausanne, CH), Michael Stache (Halle a.d. Saale), Fanny Stoye (Waldenburg), Laurent Vallotton (Genf, CH),
Naturhistorisches Museum Basel, Naturalienkabinett Kloster Einsiedeln, Muséum d'histoire naturelle Genève, Naturkundemuseum Halle, Musée cantonal de zoologie Lausanne, Naturkundemuseum Leipzig, Mauritianum Altenburg, Zoologisches Museum der Universität Zürich



Futur II ist etwas Tolles. Zum Beispiel kann man damit die Frage „Was wird gewesen sein?“ stellen. Was wird von dem, was uns heute umgibt, noch da sein und was nicht in einer Zukunft, wie nah oder fern auch immer? Hecke/Rauter/Willmann sind einer dieser Künstlergruppen. „Erinnerungen für Morgen“ heißt, was sie zeigen. (...) Eine Installation, die zugleich Etappe eines Work in Progress ist. Anhand von Objekten und Texten ermöglichen sie Einblicke in den Recherchestand eines geplanten Stückes - und auf eine seltsam faszinierende Parallelwelt außerdem. Der Ausgangspunkt für „Erinnerungen für Morgen“ war der Eindruck eines Paradigmenwechsels in den Ausstellungen von Naturkundemuseen. Früher sei man mit einem staunenden „Wow, was alles da ist!“ durch die Räume gegangen, heute immer öfter mit einem „Wow, was alles da war!“ Es ist der Eindruck, dass „vieles, was wir betrachten, sukzessive aussterben wird“, der den Impuls setzte. Die Frage „was wird Morgen gewesen sein?“ ist die Basis für Reflexion, die „Erinnerungen für Morgen“ versucht. Und was sich auf dieser Basis versammelt ist nicht zuletzt eine „Illusion von stillgestellter Zeit“. Das meint hier: Tierpräparate. „Das hat auch rein formal einen Bezug zu unseren bisherigen Arbeiten“, so die Künstler. „Das Stillstehen, das Skulpturale. Diese Tierpräparate passen da hinein. Das Präparat ist eine Illusion von stillgestellter Zeit.“ Und im konkreten Fall, kann man der jetzt sozusagen Auge in Auge gegenüberstehen. Auch, wenn es sich beim Präparat nur um Glasaugen handelt. Man habe im Zuge der Recherche viele Interviews geführt, mit dem Museumspersonal durch alle Instanzen – und natürlich mit zoologischen Präparatoren: „Wir suchen und suchten natürlich welche, die etwas exaltierter sind oder ihre Arbeit vielleicht auch etwas esoterischer betrachten.“ Jedenfalls sei man vor allem auch auf solche Geschichten aus gewesen wie die von Lydia Mäder, Präparatorin aus Frohburg, die für eine Prüfungsarbeit ein weißes Kaninchen mit braunen Augen versah. „Braune Augen sind bei diesen Tieren wider die Natur“, erzählen die Künstler. Warum aber nimmt sich jemand, der in seiner Arbeit der Wirklichkeit oder wenigsten der Authentizität verpflichtet ist, derlei Freiheiten? „Präparatoren sind erst einmal Handwerker, aber bei einigen ist da eine echte künstlerische Tendenz.“ Es ginge dann auch um die Frage nach der „Seele“ oder wenigstens dem „Wesen“ des Tieres – wobei Hecke/Rauter/Willmann wiederum Mäder mit den Worten zitieren, es sei „aber eher die eigene Seele als die des Tieres im Präparat zu finden“. Das klingt ja auch schon recht schräg, faszinierend außerdem. Wie auch die Präparatoren-Aussage, dass „Seele dann vorhanden ist, wenn der Schatten des Präparates erkennen lässt, was für ein Tier es ist, dass diesen Schatten wirft.“ Der Schatten eines Tieres, das schon nicht mehr existent ist. Man ahnt die Ebenen, die sich da gerade auch für eine performative Aufbereitung eröffnen.

Steffen Georgi: Eine Illusion stillgestellter Zeit, Leipziger Volkszeitung Nr.233, 06./07.Okt.2018