Aus der Ordnung der Dinge herausgerissen finde ich mich in ein unbegreifliches Chaos gestürzt, in dem ich nicht das geringste erkenne. Alles ist mir von nun an fremd und je mehr ich meine gegenwärtige Lage überdenke, desto weniger kann ich begreifen, wo ich bin. Wie die Steine, die stets draußen genächtigt haben.
Von Steinen spreche ich, die nicht verkünden. Den Unbilden der Witterung ruhmlos und ohne Ehrerbietung ausgesetzt, zeugen sie nur von sich selbst. Sie sind weder nützlich noch berühmt. Die Kunst hat sie unbeachtet gelassen. Sie stammen vom Beginn des Planeten, manchmal von einem anderen Stern, dann weisen sie die Drehung des Raums auf wie ein Stigma ihres schrecklichen Sturzes. Sie sind nach keinem Ebenbild geschnitten, weder nach dem des Menschen, noch dem des Tieres, noch dem der Legende. Ihr Ursprung liegt vor dem Menschen, der nur Spuren seiner Geschicklichkeit oder seines Fleißes an ihnen hinterlassen kann. Von Steinen spreche ich, die niemals etwas ändern wird es sei denn die Gewalt tektonischen Wütens und die allmähliche Abnutzung. Von Steinen spreche ich, die nicht einmal des Todes gewärtig sein müssen. Die Menschen beneiden sie um ihre Dauerhaftigkeit, ihre Härte, ihren Starrsinn und Glanz, beneiden sie, weil sie glatt und undurchdringlich sind und sogar als zerbrochene noch ganz.
Jetzt fühle ich das Pulsieren der Berge, das fidele Hinabrollen von oben. Höre das Geröllfeld zwischen den Hängen. Blöcke und Steine, die nicht weiterkönnen und die nichts tun als auf ihre Zersetzung zu warten.
Hier liege ich und warte. Vor den entblößten Flanken, vor all den untadeligen, von Pflanzen kaum bedeckten, den runtergrollten und -gesackten Felstrümmern. Hier, neben den Blöcken, wo die Witterung ihre Angriffe auf die stolzen Bergmassen betreibt, sie zerlegt, in Bruchstücke absprengt. Wo ganze Berge zu Bruch und zugrunde gehen, liege ich und warte.
Ein einstürzender Thron, ein fallender Berg, der die Ebene zerschmettert. Die Ebene ist im Grunde die vollendete Abtragung, endgültiger und beständiger als jeder Berg.
Zunächst sind die Berge erheblich, dann zerbröseln sie. Was die erheblichen Berge selbst anbelangt, braucht man wesentlich mehr Geduld, um in ihrer Standhaftigkeit den Wechsel zu erkennen, und dabei handelt es sich fast ausschließlich um das Kleinerwerden.
Hier liege ich und warte, im sacht rieselnden, sacht grollenden Reich der Abtragung, mitten in der allseitigen Spannung des Gesteingefüges und des destruktiven Zusammenspiels feindlich gesonnener Kräfte. An den Felsen spüre ich noch die entgegengesetzt gerichteten, die aufbauenden Kräfte, die das Ganze gehoben haben, und die zernagenden, wegspülenden, abwärtsrollenden In der momentanen Gestalt ist dieses Gegeneinander und Ineinander gleichsam zum Stehen gekommen, und es lebt in mir wie mit einer instinktiv begreifenden seelischen Rekonstruktion auf.

Das goldene Zeitalter des Alpinismus ist vorbei.
Stand das Bergprofil seit jeher als handlungstragende Kulisse des Menschen der Ebene da, der sich im Nimbus des Erhabenen zu wiegen pflegte, so perspektiviert ÜBER BERGE den auf die Hybris folgenden Abstieg.
ÜBER BERGE installiert auf der Bühne einen raumgreifenden und -strukturierenden Berg, an dessen Seite stilprägende Ikonen, Narrative und alpine Relikte erscheinen. In ihrem Zusammenspiel offenbaren sie den Berg als Zustand von Materie und Imagination und schaffen ihm einen Ort politischer, religiöser sowie kultureller Praktiken und Prophezeiungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MIT Antonia Beeskow, Martin Bien, Charlotte Bösling, Benjamin Hoesch, Frieda Illig, Beni Kubik, Emma Möller, Martha Oelschläger, Florence Ruckstuhl, Nora Schneider, Franz Thöricht, Rudolf Triller

KONZEPT Alisa Hecke

© Charlotte Bösling

AUFFÜHRUNGEN

Institut für Angewandte Theaterwissenschaft; 15. Oktober 2016

Künstlerhaus Mousonturm, Studio 1, Frankfurt a. M., 27.-28. Oktober 2016



Nebel taucht auf, eine Leiter lädt zum Aufstieg ein und der Wind bläst – doch von alpiner Romantik keine Spur. (...) Der Berg als Symbol für das sich Überwinden, das Gefühl von Erhabenheit, das Streben nach Maximierung, aber auch den tiefen Fall.
Karola Schepp, Gießener Allgemeine Zeitung, 15. Oktober 2016